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Ich zoom' mich mal rein

30. März 2020
Wenn die Menschen nicht mehr in die Kirche kommen, dann kommt die Kirche zu ihnen. Wenn es gut läuft. Ersteres gilt «im normalen Leben» nicht für die Citychurch München. In Zeiten der Corona-Pandemie bietet sie ihren Besucher:innen jetzt ein für Kirchen bislang neuartiges Nutzererlebnis.
Von heute auf morgen passiert gar nichts mehr. Plötzlich. Landesweit dürfen sich Menschengruppen nicht mehr treffen, auch Kirchen müssen schlag(baum)artig ihre Türen verriegeln. «Mindestabstand halten!» gilt für auch für persönliche Begegnungen. Wie geht das Leben unter Christen weiter? Was geht überhaupt noch, ausser Home Office?

Nur wenige Kirchengemeinden haben frühzeitig die Wichtigkeit erkannt, digitalen Kontakt zu denjenigen Menschen zu halten, die nicht regelmässig in ihre Sonntagsveranstaltungen kommen – sei es durch Krankheit, Immobilität, reisebedingte Abwesenheit oder auch, wenn man die Unfallgefahr auf dem winterlichen Sonntagmorgen-Weg meiden wollte.

Via Live Stream konnten sich zudem gemeindefremde Interessierte – Zielgruppe jeder Wachstumsgemeinde –das Gottesdienst-Geschehen erst einmal «aus sicherer Entfernung» ansehen. Mit einer Direktübertragung zeigten Gemeinden strategische Weitsicht, Service-Orientierung und Nähe. Die Technik war frei zugänglich und musste nicht viel kosten.
In der Not zur Tugend
Mit Ausbrechen des Corona-Epidemie wird es plötzlich hektisch: In eilig zusammengerufenen interdisziplinären Teams fragen sich Gemeindeleitungen, wie sie weiterhin Gottesdienste anbieten können. Welcher Mitarbeiter aus dem Technik-Team kann Erfahrung beisteuern? Wer könnte sonst noch schnell helfen? Welches Equipment wird benötigt, wie schnell ist es verfügbar? Freikirchen wie ICF, die moderne Medien früh in ihre Veranstaltungen integrierten, sind in der aktuellen Situation anderen Gemeindebünden – technisch betrachtet – oft meilenweit voraus.
«Gesegnet, wer eine angenehme Radiostimme hat»
Mittlerweile mehren sich im Internet und in Newslettern Erfahrungsberichte von Nutzern eines Gottesdienst-Live-Streams. Ines Schaberger, Religionspädagogin im Bistum St. Gallen, beschreibt ihre Eindrücke anschaulich auf kath.ch. Angenehm sei es, Rednern zuzuhören, die eine «angenehme Radiostimme» hätten. Ihre Beobachtungen stehen exemplarisch für zahlreiche Übertragungen anderer Gottesdienste.

Pastor Dirk Ahrendt (47) wählt für die Citychurch München einen anderen Weg: Einer Empfehlung folgend, entscheidet sich der Exil-Hamburger, Gottesdienste über das Konferenz-Tool Zoom anzubieten. Die im Geschäftsleben populäre Software ist schnell installiert und mit etwas technischer Erfahrung und der Hilfe von Erklärvideos in gut zwei Stunden einsatzbereit. Teilnehmer:innen installieren Zoom auf Ihrem Endgerät und wählen sich am Sonntag mit einer «Webinar ID» oder einer Telefonnummer in das «Meeting» ein.

Die kostenlose Variante erlaubt die Teilnahme von bis zu 100 Personen bei einer Veranstaltungslänge von maximal 40 Minuten. Wer mehr benötigt, zahlt für seine Gemeinde zwischen 15 und 20 US-Dollar im Monat. Technisch gesehen, könnten auf diesem Wege bis zu 1'000 Menschen online zusammenkommen.
«Wir freuen uns, wenn du zu Hause bleibst»
Der grösste Unterschied zeigt sich in der Interaktivität: Im Gegensatz zum klassischen Live Stream bietet Zoom Interaktion statt Eindimensionalität. Besucher:innen eines virtuellen Gottesdienstes sehen nicht nur den Pastor und im besten Fall noch einige Musiker:innen, sondern auch andere Teilnehmer:innen. Man trifft sich nicht im Foyer, sondern am Bildschirm. Prinzipiell können sich alle sehen; wer möchte, kann auch nur mit Ton oder telefonisch zugeschaltet sein.

Die ersten Erfahrungen mit dieser neuen Gottesdienst-Form stimmten sehr positiv, berichtet Dirk Ahrendt. «Die Leute sind sehr angetan von der Möglichkeit, so auch ein Stück weit aktiv Gottesdienst feiern zu können.» Und, «interessant ist: Wir haben bei dem Gottesdienst viel mehr Leute von aussen erreicht, als wir je in der Citychurch hatten. Unsere Leute haben den Link weitergegeben.»

Insgesamt saßen zuletzt knapp 80 eingeloggte Teilnehmer:innen an den heimischen Bildschirmen, teilweise schauten aber auch Paare und Familien zu. Die meisten blieben bis zum Ende nach 100 Minuten dabei, die Aussteigerquote war sehr gering.
Überraschend interaktiv
Nach Begrüssung und kurzen technischen Hinweisen leitet Ahrendt aus den eigenen vier Wänden durch den virtuellen Gottesdienst. Im Vorfeld hatte das Musikteam Lobpreismusik eingespielt und aufgenommen; diese wurde anschliessend mit den Textfolien synchronisiert, die jetzt auf dem Bildschirm eingeblendet werden. So entsteht für die Teilnehmer am Sonntag quasi ein Echtzeit-Erlebnis, das etliche auf dem heimischen Sofa zum Mitsingen ermuntert.

Eine ungewöhnliche und unerwartete Form der Interaktion kündigt Ahrendt an mit dem Hinweis, gleich alle Besucher:innen in Kleingruppen schicken zu wollen. Ein Software-Zufallsgenerator entlässt jeweils fünf Teilnehmer:innen in einen virtuellen privaten Raum mit einer Frage, die in kleinem Kreis erörtert werden konnte: «Wofür bist du heute dankbar?»

Aha, da findet man sich plötzlich mit Gesichtern zusammen, die man vielleicht noch gar nicht wahrgenommen hat oder kennt. Aber alle schauen interessiert. Jeder kann etwas sagen, und man kann Reaktionen der anderen sehen und hören. Das hat man im normalen Gottesdienst nicht. Spannend. Eine Minute vor Ablauf der Gruppenzeit erscheint ein Popup-Fenster mit einem Hinweis, in einer Minute gehe es im Plenum weiter. Nach 60 Sekunden sind wieder alle «versammelt», automatisch.

Es folgt die Predigt, zu denen die Teilnehmer:innen wie gewohnt Folien sehen können. Jede:r Zuschauer:in kann mittels eines Schiebereglers individuell entscheiden, ob sie oder er lieber Slides oder Gesichter gross sehen möchte.

Ein weiterer Aha-Effekt stellt sich beim Gebet ein: das Gestaltungselement Gebetsgemeinschaft – heute längst nicht mehr von allen Gemeinden gepflegt – wird in dem Zoom-Gottesdienst der Citychurch lebendig eingesetzt. Erstaunlich, wie viele Menschen sich hier einbringen und laut ein Gebet sprechen. Viele ernsthafte Anliegen werden formuliert: Sorgen, Existenzängste und Einsamkeit, aber auch Dankbarkeit und Mitgefühl mit denen, denen es nicht so gut geht wie einem selbst.
Digitale Zukunft Gemeinde
Was können die technischen Möglichkeiten Gemeinden in Zukunft bringen? Für Ahrendt soll die Zoom-Lösung eine Überbrückung in Zeiten ohne normalen Gottesdienst bleiben. Sehr weit planen lasse sich im Moment sowieso nichts. Möglicherweise könne die digitale Lösung auch in Hauskreisen eingesetzt werden. – Für den Moment bleibt er gelassen: Auch, wenn nach zwei Sonntagen technisch noch nicht alles perfekt gelaufen sei, gelte es erst einmal, zu starten und im weiteren Verlauf Anpassungen vorzunehmen.

In Krisenzeiten wie diesen sollte man die sich bietenden Chancen ergreifen und kreativen Ideen Raum bieten. Vieles ist möglich. Digitales muss nicht distanzieren.
Links
Citychurch München citychurch-muenchen.de
Zoom zoom.us | Sicherheitslücken? t3n; Handelsblatt; Gründerszene; The Intercept
Gottesdienst-Livestreams Übersicht kirchenland.com/livestreams
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